Ich mag keine Abschiede

Reicht nicht einmal in die Runde winken?

Ich mag keine Abschiede. Schon ein wenig seltsam, wenn ich bedenke, dass gleich meine erste Beziehung eine Fernbeziehung war und auch meinen Verlobten und mich einige hundert Kilometer trennten, als wir uns kennenlernten. Allerdings mochte ich schon vor meinem ersten Freund keine Abschiede und habe immer die Parallelklassen belächelt, die jedesmal am Ende des Schultages ein Gruppenkuscheln machten – weil man sich ja sooooooo lang nicht wiedersieht. Meine Klassenkameraden und ich gingen einfach daran vorbei zum Bus. Vielleicht kommt daher die Abneigung gegen Abschiede. Ich bin immer noch der Meinung, dass meine Freunde daraus bitte kein Drama machen sollen.

(c) pixabay / geralt

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Machen meine Freunde auch nicht, zum Glück. Das Problem ist da eher mein Volontariat. Ich wechsel alle ein bis zwei Monate die Redaktion und stehe so vor immer neuen Abschieden. Eine grausige Vorstellung – auch wenn mir ein paar Abschiede in guter Erinnerung geblieben sind – allerdings gerade deshalb weil es keine Abschiede waren. In meiner liebsten Studentenkneipe beispielsweise feierten wir meinen letzten Abend so, wie alle anderen Abende auch. Es gab zwar von ein paar Leuten ein „Schade, dass du weggehst“, aber es gab keine große Abschiedsorgie – ansonsten hätte ich mich auch einfach still und heimlich nach Hause verdrückt. Stattdessen leerten zwei Freunde und ich eine Flasche süßen Schnaps, immer in der Hoffnung, dass das nächste Glas besser schmeckte. Tat es nicht.

Meine beste Freundin und ich sagten zwar immer, wenn wir uns sahen, dass wir den Abschied feiern – gefeiert haben wir aber so wie immer, wenn wir zusammen unterwegs waren. Immerhin ist Hamburg kein weiter Weg für meine Beste, da sie selbst dort aufgewachsen ist. Ein Freund überraschte mich, in dem er einfach knapp eine Woche, nachdem ich umgezogen war, fragte, was ich am nächsten Tag mache – und dann vor der Tür stand. Dadurch fing ich fast an zu glauben, dass spontane Besuche auch unter Freunden, die weit auseinander wohnen, möglich sind und Abschiede damit irrelevant werden – nur fast, denn bisher besuchte mich keiner mehr so spontan und wenn ich spontan zu wem fahren will, hat derjenige keine Zeit.

All diese wunderbaren Erinnerungen an den Abschied (oder gerade Nicht-Abschied) von meiner Studienstadt lassen mich den ganzen Prozess aber trotzdem nicht mehr mögen. Aus Angst vor einer großen Abschiedsorgie mit viel zu vielen Umarmungen ließ ich meinen Verlobten an dem Wochenende, an dem wir uns kennenlernten, einfach stehen und winkte nur kurz zum Abschied in die Runde. Später habe ich ihm mein Verhalten erklärt und er schmunzelt bis heute darüber.
Aus Hamburg verschwand ich dann wieder fast still und heimlich – und hoffe, dass die Hamburger Freunde es mir nicht übel nehmen. Ich mag halt einfach keine Abschiede.

Womit wir wieder beim gerade dauernd auftretenden Problem in meinem Leben wären: Mein Volontariat. Alle ein bis zwei Monate also ein erneuter Abschied. Eine grausige Vorstellung für mich – und genau deswegen bin ich in der zweiten Redaktion leise zurück geschlichen, als mir im Auto auffiel, das ich etwas vergessen hatte. Ich nahm es aus dem (zum Glück) leeren Raum und verschwand genauso leise wieder – zweimal Abschied nehmen an einem Tag war mir einfach zuviel.

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